Der Böse ist der Befreiung nahe

Mittwoch , 4, Februar 2015 1 Comment
Elfenbeinbuddha – Nationalmuseum Bangkok

Elfenbeinbuddha – Nationalmuseum Bangkok

Der japanische Meister Shinran sagte einst, dass „gerade der Böse, der sich nicht durch Regeln bessern will, der Befreiung nahe ist.“ Was wollte uns Meister Shinran damit sagen? Wollte er provozieren? Oder ist es wirklich egal, nach welchen Richtlinien man lebt? Oder ob man überhaupt Richtlinien folgt? Was bedeutet das im Zusammenhang mit dem Sila „Ich gelobe mich darin, keine Substanzen zu mir zu nehmen die den Geist beeinträchtigen“? Kann man am Weg zur Befreiung allen Leidens also bedenkenlos zu Suchtmitteln greifen? Bevor ich mich einer Antwort annähere sollten wir jedoch zuerst einen Blick auf die unterschiedlichen Schulen des Buddhismus werfen um nachzusehen, wie dort Leid und Erlösung vom Leid verstanden werden.

Die Schulen des Buddhismus

Theravada, die Schule der Älteren, ist heute vor allem in Sri Lanka, Thailand, Birma und Indochina aktiv. Die Mönche sehen sich als die Bewahrer Gautamas Lehren und ihr schriftliches Werk nennt sich „Dhammasangani“. Dieses Werk untersucht, wie das Gewahrsein „ich bin“ entsteht. Es ordnet dem Empfinden die drei Qualitäten freudig, traurig und indifferent zu, die allesamt – wie wir alle aus eigener Erfahrung wissen – veränderlich sind. Eine genaue Analyse ergibt 50 verschiedene Gemütszustände, die entweder alleine oder in Kombination unsere Erfahrungen „einfärben“. Unser Bewusstsein fußt dabei auf diesen veränderlichen Ursachen, daher ist „Ich bin“ ebenso veränderlich. Das Werk „Patthana“ (über die 24 Arten des bedingten Entstehens) nennt die Wahrnehmung als Voraussetzung für das Bewusstsein. Was in unserer täglichen Welt als eigenständig und solide erscheint, ist jedoch abhängig von Verhältnissen und Beziehungen. Leid entsteht, wenn der Mensch sich dagegen als unabhängige Existenz wähnt. Die meditative Praxis dieser Schule zielt darauf ab, dass die Illusion der eigenständigen Existenz abgebaut wird.

Der Tantrismus ist eine spätere Schule und heute vor allem in Japan, Nepal und Tibet beheimatet. Während im Theravada, wie vorhin erwähnt, das Bewusstsein als abhängig von Wahrnehmung und Objekten gilt, quasi also eine „äußere Welt“ für real und eine „innere Welt“ für illusorisch hielten, ging man im Tantrismus dazu über, das Bewusstsein als wirklich anzunehmen. Daraus leitete sich auch die Ansicht ab, dass man sich bei der Existenz der Dinge nur darüber sicher sein kann, dass sie im Bewusstsein existieren, somit letzten Endes alles nur Bewusstsein ist. Die schriftlichen Werke des Tantrismus sprechen von einem Adi-Buddha-Bewusstsein als der letzten Wahrheit. Nachdem alles bereits in diesem Bewusstsein ruht (auch jeder einzelne Mensch, der ja gar nicht getrennt von diesem ist), erlangt man mit der Befreiung nichts neues, sondern macht sich nur des Adi-Buddha-Bewusstsein bewusst. Im Adi-Buddha-Bewusstsein werden alle Widersprüche aufgelöst, gibt es kein richtig oder falsch, kein heilig oder profan, kein erlöst oder nicht erlöst. Als Konsequenz daraus leiten die Tantriker ab, dass alle Wege zur Befreiung führen können, ob man nun nach Mönchsregeln (Silas) lebt oder auch nicht; Askese wie Ausschweifungen sind gleichwertige Mittel um sich zu befreien, das Brechen von Konventionen und Vorschriften bedeutet nur das Überwinden starrer Ich-Perspektiven.

Ch’an (oder Zen, was so viel wie „Zustand meditativer Versenkung“ bedeutet) entstand im 5. oder 6. Jahrhundert und geht auf Bodhidharma zurück. Ch’an ist heute in China, Korea, Vietnam und Japan verbreitet. Die Botschaft des Ch’an gilt der Erfahrung, nicht den Begriffen, da die Lehre Buddhas nur von Herz zu Herz erfahrbar sei. Auch wenn die Ansicht bestand, dass die Lehre des Ch’an von der Erfahrung wegführe, gab es dennoch einen theoretischen Überblick über die die Richtungen des Ch’an. Tsung-mi (780-841) betrachtete die nördliche Schule des Ch’an so, dass bereits jedes Wesen eine Buddhanatur besitzt, lediglich aus Verblendung heraus sich dessen nicht bewusst ist und daher leidet. Fa-jung (594-657) verstand die Welt als totales Trugbild, da alles in der Welt nur bedingt entsteht. Wenn letztlich nichts besteht, dann existiert auch keine Weisheit und kein Bewusstsein, welche diese wahrnehmen könne. Befreiung komme dann zu einem, wenn man wie ein Buddha still sitzt. Gibt es keine Objekte, mit denen man sich identifizieren könnte, wird man frei von sich selbst. Fa-jung meinte daher, dass das Vermeiden von Bösem wie auch das Erstreben von Gutem gleichermaßen eitel seien und daher nur wiederum Manifestationen des Ichs sind. Für Hung-Chou war bereits alles von Buddhanatur durchdrungen, weil dieser letzten Wahrheit nichts mehr hinzuzufügen war, konnten weder gute noch schlechte Taten etwas daran ändern. Die Buddhanatur zeigte sich für ihn auch und gerade im Alltag. Ho-Tse machte hier jedoch eine Differenzierung: die permanent vorhandene Buddhanatur wird durch den subjektiven Geist getrübt, erst wenn man beim still Sitzen sich von seinen Gedanken befreit, konnte man wieder mit dem reinen Bewusstsein in Verbindung treten.

Die Schule vom reinen Land (1./2. Jh. in Indien, 5. Jh. in China), hat ihren Ursprung in der Geschichte des Buddha Amitabha. Dieser Bodhisattva gelobte ein Land zu schaffen in das er jeden aufnimmt der seine Praxis ihm, Amitabha, widme. Diese Schule hielt es für nicht möglich selbst Befreiung zu erlangen, nur wer das eigene Streben danach aufgab und sich von der Kraft des Buddhas aus dem reinen Land leiten ließ, konnte von ihm zur letzten Wahrheit geführt werden. Gelegentlich hieß es in der Lehre, dass es schon reiche wenn man einmal zu Lebzeiten „Namu Amida Butsu“ (japanisch für „Verehrung dem Buddha Amitabha“) aussprach, um dann in das reine Land geführt zu werden. Der Eingangs erwähnte Meister Shinran erörterte auch die Frage, ob der Wunsch nach dem reinen Land nicht selbst egoistisch sei. Er verneinte dies mit dem Hinweis darauf, dass das Verlangen danach ein Ruf aus dem reinen Land und damit bereits das Wirken des Buddhas Amitabha sei. Das Leben stellt sich damit als alternativlose Fortsetzung und Wirkung des Karmas aus früheren Geburten dar. Daraus folgerte man auch, dass Ethik und meditative Praxis versagen müssen, da niemand über richtig oder falsch entscheiden könne, wer „das Gute“ erreichen wollte, der „wollte“ und handelte damit selbstsüchtig. Je mehr man sich seinen eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten bewusst wurde, umso mehr Raum gab man Amitabha für einen wirken zu können. Daraus entwickelte sich die Irrlehre, dass man sich stets total gehen lassen kann, doch Shinran widersprach: wer so handelt, weil er nur die Befreiung im Sinn habe, der handelt genau so selbstsüchtig wie jener, der gut werden will.

Der eine Weg

Ohne weiter ins Detail gehen zu wollen ist jetzt schon klar: Den einen Weg gibt es nicht, nur den eigenen. Können Silas einem dabei helfen, diesen Weg zu gehen? Durchaus, wenn man ihnen nicht blind folgt. Eine endgültige Befreiung aus der Sucht kann nicht gelingen, wenn man sich nur der Auslöser entledigt, sondern in dem man sich der Abhängigkeit entzieht. Das mag jetzt verwirrend, einfältig oder unverständlich klingen, aber Suchtmittel und die Abhängigkeit davon sind zwei sehr getrennte Dinge. Um diese Erfahrung zu machen hilft beispielsweise Meditation, wie die so genannte Einsichtsmeditation (Vipassana), doch dazu in einem späteren Posting mehr. Die Frage nach dem Einhalten der Silas steht also keine allgemeine Antwort gegenüber, es ist auch immer eine Frage wo im Leben man gerade steht und welcher Weg von dort zum Ziel führt.

One Comment
  • Orietta sagt:

    I always had something clear, exist 3 kind of buddhism,one is the couse and effect, about people who wish avoid suffering and other about compassion and wisdom, make something for others, where people feel self confidence for make this for others. the other one i was not very sure, but i think you make me clear about this 🙂

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